Die Gründung der Kranichhaus-Gesellschaft

Albert Oest

Es war an einem Wochentag im Januar 1957. Ich wollte in der Stadt einkaufen und hatte mein Auto auf dem Parkplatz abgestellt. Direkt vor dem Kranichhaus begegneten wir uns am frühen Nachmittag, Oberkreisdirektor Büning und ich. Er wollte zum Dienst im Landratsamt, dem heutigen Kreishaus II (heute Katasteramt), blieb stehen und begrüßte mich.

Dann fragte er: "Sagen Sie mal, was machen wir mit diesem Haus?" "Ja", sagte ich, "das Haus gehört doch dem Kreis!" "Über den Kreis kann ich das Haus nicht in Ordnung halten, und vor allem kriege im keine Mittel zur Wiederherstellung und zum Ausbau des Hauses", meinte er. Es war ja auch wirklich nicht schön - unten im Haus waren kleine Handwerksbetriebe und Geschäfte, die ganzen oberen Räume waren auch belegt, und aus jedem Fenster guckte ein Schornstein. Jeder verheizte so das bisschen Heizmaterial, das er hatte. Dann sagte der Oberkreisdirektor: "Ich habe mir gedacht, wenn wir so einen 'Kranichhaus-Verein' gründen, und wir kriegen annähernd hundert Mitglieder zusammen, und die bezahlen im Monat eine Mark, dann haben wir schon eine größere Summe. Dann kann der Kreisausschuss und der Kreistag das nicht ablehnen, und er muss Gelder für dieses Haus bewilligen." Das leuchtete mir ein. "Sonst weiß im keinen Rat", sagte er darauf.

Wir führten bald danach ein paar Telefongespräche in der Sache, und am 14. März 1957 hatten "wir" in der Gastwirtschaft von Heinbockel („Goldener Stern“ in der Stader Straße; heute: Praxis Augenarzt Stutzer) die erste Versammlung - die Gründungsversammlung. Knapp vier Wochen vorher hatte ich mich schon mit dem Oberkreisdirektor und sieben anderen Herren aus Otterndorf in der Gastwirtschaft Petersen („Deutsches Haus“ in der Cuxhavener Straße; heute: Medem-Apotheke) getroffen, um die Einzelheiten der Vereinsgründung zu besprechen. Unmittelbar vor Beginn der Gründungsversammlung wurde in kleiner Runde über die Besetzung der Vereinsämter gesprochen, und ich erklärte mich schließlich bereit, das Amt des Vorsitzenden zu übernehmen. Mein Vater hatte hier ja viel für die Heimatpflege und Heimatkunde getan, und so glaubte ich, in seinem Interesse zu handeln. In der Versammlung wurde ich dann gewählt und nahm die Wahl an. Damit war ich Vorsitzender und bin es bis heute geblieben.

Der eigentliche Gründer der Kranichhaus-Gesellschaft ist zweifellos Oberkreisdirektor Büning (oder der kurzsichtige Kreistag, der kein Geld bewilligen wollte und den Oberkreisdirektor praktisch zur Vereinsgründung gezwungen hat). Unsere erste Aufgabe war dann, Mitglieder zu werben, und ich habe mich auch sehr dafür eingesetzt. Das war nicht immer ein dankbares Geschäft, aber nach einem Jahr hatten wir schon über hundert Mitglieder. Die ersten Mitglieder waren großenteils Kreisbedienstete, und ich habe einige Mitglieder dadurch geworben, dass ich ihnen sagte: "Der Oberkreisdirektor hat neulich gefragt, ob Du schon Mitglied der Kranichhaus-Gesellschaft bist." "Mensch", seggt de, "wenn de Oberkreisdirektor dornah frogt hett, denn mutt ick morrn Mitglied warn!" Durch ein Rundschreiben an alle Mitarbeiter der Kreisverwaltung wurde der Mitgliedswerbung Nachdruck verliehen. Für die Teilnahme an der Gründungsversammlung erteilte der Oberkreisdirektor Dienstbefreiung! Später lief es dann von selbst, mit dem Mitgliederzugang.

In den ersten Jahren hatten wir unsere Hauptversammlungen immer bei Heinbockel („Goldener Stern“). Herr Büning war ganz groß im Aufziehen dieser Versammlungen, und es wurde dann auch tüchtig gefeiert. Wir waren damals ja alle noch jünger; "Hahn im Korbe" war Herr Wilstermann. Schon seit 1958 ertönte alljährlich beim Hochzeitssuppen-Essen nach der Hauptversammlung unser "Schlachtruf": "Kra, Kra, Kral" - in Anspielung auf den Kranich und das Kranichhaus, Dr. Staudt führte ihn seinerzeit ein. Und bald hatten wir auch unser Vereinsabzeichen (wieder den Kranich), das vor allem bei der Hauptversammlung getragen werden muss. Wer es vergisst, muss einen ausgeben. Entworfen hat es übrigens Emil Ball (Kunsterzieher an der Joh. Heinr. Voß-Realschule).

Die zweite große Aufgabe war, das Kranichhaus "freizukriegen". Es befand sich in einem fürchterlichen Zustand; es saß voller Menschen, die sanitären Anlagen waren "unter aller Würde", und die Bausubstanz war dringend erneuerungsbedürftig. Wenn der Oberkreisdirektor irgendwie an finanzielle Mittel kommen konnte und Strafgelder, dann "schusterte" er sie deshalb alle der Kranichhaus-Gesellschaft zu. Auch die Kreissparkasse half uns nach Kräften. Anfang der sechziger Jahre gab es dann im Hause Luft - eine lange Zeit war das von 1945 bis dahin gewesen, in der der Kreis sein Kranichhaus nicht freibekommen konnte. Und heute stehen in Otterndorf Verwaltungsgebäude leer! Das Archiv war ja schon lange im Speichergebäude, aber das Vorderhaus konnte von "uns" erst 1964 bezogen werden. Das Kranichhaus war hergerichtet worden, und das Museum konnte endlich einziehen.

Damit war das erste Ziel unseres Vereins, und in diesem Fall natürlich auch des Kreises, erreicht. Der weitere Ausbau und die weitere Ausstattung des Hauses, auch des Speichers, ist dann in den letzten zehn Jahren vor sich gegangen. Zum Teil fiel dies noch in die Amtszeit von Herrn Büning, vor allem aber in die von Oberkreisdirektor Dr. Quidde. Zu der Zeit konnten auch die Archivräume modernisiert werden, in denen Dr. Lenz in schwierigen Zeiten lange Jahre so bescheiden gelebt und gearbeitet hat. Er war ein ganz anspruchsloser Mensch.

Mich persönlich freut es ganz besonders, dass das, was mein Vater vor vielen Jahrzehnten anstrebte und anfing, schließlich zu einem guten Ende gekommen ist. Er hatte zunächst an die alte Otterndorfer Lateinschule gedacht, die sich im Besitz unserer Familie befand. Dort sollte das Hadler Kulturinstitut seinen Platz finden; später ist er dann auf das Kranichhaus gekommen und hat zusammen mit dem ebenso uneigennützigen Herrn Tiensch das Mögliche vorbereitet. In der Hitlerzeit haben sie wenig Dank dafür geerntet, aber der heutige Zustand und Inhalt des Hauses würde sie bestimmt mit großer Befriedigung erfüllen.

Mir selbst bereitet es Genugtuung, dass ich - im Sinne meines Vaters - zusammen mit der Kranichhaus-Gesellschaft - zum Wiedererstehen des Kranichhauses beitragen konnte.

So, wie es der älteren Generation vorschwebte, dient das Haus jetzt der Heimatarbeit in Otterndorf und im Lande Hadeln und damit den gleichen Zwecken, wie sie die Satzung der Kranichhaus­Gesellschaft vorschreibt.